FührungZukunft der Arbeit

Die multiple Verwaltungsrätin: Alter ist ein schlechtes Mass für Erfahrung

By Juni 30th, 2021 No Comments

Die multiple Verwaltungsrätin: Alter ist ein schlechtes Mass für Erfahrung

Die meisten strategischen Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik sind um die 60 Jahre alt. Als fünffache Verwaltungsrätin, und erst knapp über 30 Jahre alt, sage ich: Es sollte anders sein.

«Die ist doch noch so jung, kann sie das denn überhaupt?» Die Frage habe ich schon oft erfolgreich aus dem Weg geräumt. Junge Menschen in Entscheidungspositionen in der Wirtschaft und Politik sind immer noch eine Ausnahmeerscheinung, auch wenn mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung unter 30 Jahre alt ist. So sind in der Schweiz 98,5 Prozent der Verwaltungsräte älter als 39. Mehr als die Hälfte davon gar über 60 Jahre alt. Die «Handelszeitung» titelte letztes Jahr passend dazu «Ü50-Party: So alt sind die Verwaltungsräte im SMI.» In der Politik zeichnet sich ein ähnliches Bild ab: Auch im Parlament herrscht eine Ü50-Mehrheit mit einem Durchschnittsalter von 52 Jahren.

Dabei ist das Alter ein immer weniger taugliches Mass für Erfahrung, denn in einigen Strategiethemenfeldern haben jüngere Menschen heutzutage mehr Erfahrung als ältere. Insbesondere bei digitalen Technologien, die relativ neu sind: Facebook wurde 2004 an einer amerikanischen Universität gestartet und erst 2006 für eine breite Öffentlichkeit lanciert. Viele jüngere Leute haben sich seither intensiver mit Social Media auseinandergesetzt als ältere. Wenn eine Fünfzehnjährige 2006 mit Social Media angefangen und das konsequent gemacht hat, dann ist sie heute dreissig und trotzdem die Erfahrenste von allen. Dasselbe gilt für das iPhone und den dazugehörigen App Store, den es seit 2007 beziehungsweise 2008 gibt. Man kann also nur dreizehn Jahre Erfahrung mit Mobile Apps und darauf basierenden digitalen Geschäftsmodellen haben.

Die Zukunft ist volatil, ungewiss, komplex und mehrdeutig. Nicht nur die Covid-19-Pandemie, sondern auch langfristige Herausforderungen wie die branchenübergreifende Digitalisierung, der Klimawandel und die Globalisierung spitzen sich zu. Unternehmensstrategien, die nur inkrementelle Optimierungen des Status Quo darstellen, reichen nicht mehr aus, um unsere Organisationen zukunftsfähig auszurichten.

Die Zusammensetzung von Strategiegremien in Wirtschaft und Politik muss daher neu gedacht werden. In einem Kontext, wo es beim Thema Leadership zunehmend um «Change the Business» respektive «Change the Country» geht, ist jahrzehntelange, operative Erfahrung nicht das Mass aller Dinge. Und entsprechend ist auch die Idee, dass man über fünfzig oder gar sechzig Jahre alt sein muss, um als Verwaltungsrat oder Politiker einen strategischen Beitrag an die Zukunft des Unternehmens bzw. des Landes leisten zu können, überholt.

Dass es auch anders geht, zeigen einige mittelgrosse Schweizer KMU wie beispielsweise die Engineering-Gruppe HHM, welche mich vor über drei Jahren mit rund 29 Jahren im Rahmen eines Executive-Search-Prozesses für ihren Verwaltungsrat rekrutierte. Gemäss der Ausschreibung suchten sie jemanden, der die Themenfelder digitale Transformation, Innovation, Kommunikation, Ökosystemdenken und Nachhaltigkeit strategisch abdecken würde. In den vergangenen drei Jahren habe ich vier weitere Verwaltungsratsmandate bei mittelgrossen Schweizer Firmen im IT-, Krankenversicherungs-, Kommunikations- und Mediensektor angenommen. Diese Zusammenarbeit hat meine Überzeugung bestärkt, dass interdisziplinäre, altersdurchmischte Strategiegremien als Erfolgsfaktor für Organisationen immer wichtiger werden.

Damit die Schweizer Wirtschaft aber auch die Politik in Zukunft stark und innovativ bleibt, ermutige ich die heutigen Entscheidungsträger – allen voran die Verwaltungsratspräsidenten aber auch ganz generell alle Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft –, Erfahrung als Kriterium bei Neubesetzungen offener und weitsichtiger auszulegen. Gleichzeitig wünsche ich mir, dass mein Werdegang als 32-jährige fünffache Verwaltungsrätin keine statistische Ausnahme bleibt. Es gibt zahlreiche herausragende Menschen in meiner Generation, von denen einige innerhalb der höchsten Führungsgremien viel strategisch bewirken könnten, wenn man sie denn zur Wahl aufstellen würde.

Dieser Artikel wurde zuerst im asut-Bulletin (Ausgabe 02/2021,  Digital Natives) publiziert.